Angeblich…

… so fangen oftmals Anfragen an. Bei einigen Fällen lässt sich relativ einfach klären, ob ein Vorfahr „dies oder das“ gemacht hat, aber es gibt auch Fälle wo…

.. auch der Profi keine Antwort finden wird. Grad neulich erhielt ich eine Anfrage wo jemand wissen wollte, ob seine Vorfahren, die bereits bis knapp1450 zurückverfolgt wurden…

Ich fange mal mit der Anfrage an:

Angeblich wurde mein Vorfahr vom Gutsherren von Hof gejagt, weil er den nicht zahlen wollte oder konnte. Gibt es darüber Aufzeichnungen?

Kurz zur Erklärung: Als Steck- oder Stichgroschen bezeichnete das Entgelt, welches ein Bräutigam seinem Herrn zahlen musste, damit dieser auf das mit der Braut verzichtete.

Dieses „Recht der ersten Nacht“ bzw. die Zahlung des Steckgroschens war für den Herrn  natürlich eine Möglichkeit „fremdzugehen“ bzw. einen kleinen Nebenverdienst zu erwerben. Und still und heimlich Heiraten ging nicht, da Hochzeiten ohne Zustimmung des Herrn strengstens verboten waren und sich diese für die Genehmigung einer Ehe ebenfalls entlohnen ließen.

Man ist heute geteilter Meinung ob dieses (Un-) Recht  immer angewandt wurde. Vermutungen gehen auch dahin, dass wenn der Bräutigam nicht die Hochzeitsgebühren zahlen konnte, der Herrn auf die erste Nacht bestand.

Aber die Herrschaften werden sicherlich nicht Buch geführt haben, wenn sie wann entjungfert haben und die Zahlungen der Hochzeitsgebühren wanderten oft auch einfach so in die Tasche ohne groß niedergeschrieben zu werden.

Die „Angestellten“ waren schon arme Schweine. Vom Ernteertrag mussten in der Regel 50 – 70 % an den Herrn und die Kirche abgetreten werden, vom kläglichen Rest musste man dann Leben. Viel die Ernte schlecht aus, musst an trotzdem den festgelegten Anteil abgeben. Die Bauern pflanzten was das Zeug hielt, aber der Boden war halt irgendwann ausgelaugt und dann sah es ganz schlecht aus mit den Abgaben.

Und wo wir gerade in dieser Zeit sind: 7 Dörfer haben damals eine Burg versorgt mit den ganzen Rittern und Angestellten der Burg. Ich habe mal in England eine „restaurierte“ Burg besucht. Es war damals kalt, dunkel und nass in diesen Gemäuern.

Früher war alles besser? Pustekuchen!

Wer mehr zu diesem Themen wissen möchte, den empfehle ich diese Internetseite , wo so ziemlich alles zum Thema erwähnt wird.

Zurück zu „Angeblich“ und dem obigen Brief mit der Anfrage:

Die Vorfahren sind nachweislich in ein anderes, für damalige Verhältnisse weit entferntes Dorf gezogen. Die Strecke würde man heute mit dem Auto wohl locker in 2 Stunden schaffen, aber damals war das eine halbe Weltreise.

Wenn auch Ihre Vorfahren aus einem „angestammten“ Dorf verschwunden sind, empfehle ich immer in den Dörfern der näheren Umgebung zu suchen. Denn damals zog man nicht mal so eben von Hamburg nach München der Arbeit oder der Liebe wegen.

Das gesamte Leben eines Menschen zwischen 1700 und 18xx spielte sich meist in einem Umkreis von etwa 20 – 30 Kilometer um den Geburtsort herum ab. Es wurde vielleicht ins nächste Dorf geheiratet, aber dass unsere Vorfahren große Reisen (also mehr als 50 Kilometer) unternahmen war eher die ganz seltene Ausnahme. Warum sollten sie auch woanders hin? In seinem Dorf hatte unser Vorfahr ja alles was ein Mensch zum Leben benötigt.

Ihre Andrea Bentschneider

1 Kommentar zu “Angeblich…”

  1. Andreas sagt:

    Hallo Andrea,
    was die Verteilung und Nähe der Wohnorte früher angeht, habe ich ähnliche Erfahrungen gemacht. Bei meiner Ahnenforschung in Pommern hat sich auch ziemlich schnell die Spur im ursprünglichen Ort verloren. Als ich dann zufällig einige Kichenbücher der umliegenden Gemeinden sichten konnte, stellte ich fest, dass auch hier überall Böttchers zu finden waren, welche sicher miteinander verwandt waren. Man muss nur weit genug zurückgehen, denke ich. Wie du schon sagtest, damals waren 50 km eine ganz schöne Reise, ohne Möbelwagen und so 😉

    Viele Grüße
    Andreas

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