Das sind für mich spanische Dörfer

Wir Deutschen haben ja für jede passende und unpassende Gelegenheit stets ein Sprichwort parat. Sehr süß fand ich oben genannten Ausspruch von meiner amerikanischen Freundin Catherine, die eigentlich sehr gutes Deutsch spricht. Aber wir leben ja in einer Zeit wo alles immer vereinfacht wird, also hat sie kurzer Hand „das sind alles Böhmische Dörfer für mich“ und „das kommt mir Spanisch vor“ zu einem neuen Sinnspruch zusammengefasst. „Böhmische Dörfer“ waren anfänglich auch die Lateinischen Ausdrücke in alten Kirchenbüchern, aber da sich der Inhalt der Einträge immer wiederholt, lernt man in relativ kurzer Zeit die Bedeutung des Geschriebenen, auch wenn man nicht das große Latinum hat.

Äußerst hilfreich hat sich für mich untenstehende Internet-Seite erwiesen, da dort auch die Krankheiten aufgelistet  sind, an denen Leute verstorben sind (woher soll man auch wissen, dass „stomaticus morbus“ Skorbut ist).

Ich kann mich noch sehr gut an einen Eintrag erinnern, wo das Wort „partus vulgo quaesitus“ erschien. Wenn Ihnen also Tante Trude aus Buxtehude eine Kopie vorlegt wo diese Wort erscheint, denken Sie daran, dass man alles schön umschreiben kann. Die richtige Übersetzung wäre Hurenkind. Ledige Mütter wurde früher oft als Hure bezeichnet, was sich heutzutage zum Glück geändert hat. Heute gibt es immer noch unzählige ledige Mütter, aber normalerweise würde keiner mehr diese Bezeichnung für sie verwenden. Der Begriff Hure oder auch Nutte ist doch eher den Damen des horizontalen Gewerbes vorbehalten.

Falls Sie bei der Ahnenforschung das Wort „scortum“ (Hure) sehen, sagen Sie Tante Trude nicht, dass da Hure und Nuttenkind steht, sondern sagen Sie lieber unehelich geborenes Kind. Ach ja: Der uneheliche Vater wurde genau wie die ledige Mutter manchmal als Hurer bezeichnet, Gleichberechtigung muss sein.

Aber so lustig wie das klingt war es für die ledigen Mütter damals ganz und gar nicht. Auf der Internet Seite der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs ist ein Beispiel für die Diskriminierung der Frauen abgebildet:

In dem Taufregister von 1701 wurde wegen der nichtehelichen Geburt der Name falsch herum in das geschrieben. Schimpf und Schande waren die Folge für die junge Mutter und Einige versuchten, diesem zu entgehen. So findet sich in den Kirchenbüchern von Ahrensbök des Jahres 1790 folgender Eintrag:

„spurius Jochim Hinrich, ein uneheliches Kind, die Mutter desselben, die sich Elsabe R… nannte, war ihrer Aussage nach zu Gottorf [Schleswig] geboren, wonach, nach ihrem Geständnis gegen die Hebamme die Schwängerung von einem Schumacher-Gesellen, Maurius Hinrich Schm…., der sich hernach entfernt, geschehen seyn soll. Des folgenden Tages nach der Entbindung kam sie selbst zu mir, und wollte einen Mann Namens Hans Schm…. gehabt haben, der vor 4 Wochen verstorben. Indessen leugnete sie bald darauf ihr voriges Geständnis nicht, und liess also das Kind als unehelich anzeichnen. Die Entbindung erfolgte bei D…. im Holstendorfermohr. Sogleich nach der Taufe soll sie sich mit ihrem Kind wieder entfernt haben.“

Heute mag es einem merkwürdig erscheinen, dass ein Unterschied zwischen ehelich und unehelich geboren Kindern gab. Diesen Hurenkinder, Niemandskinder, Bastarde wurde unterstellt, dass Sie dadurch, dass kein Vater da sei, „nur zu oft schlecht erzogen seien und daher eine latente Brutstätte des Lasters und Verbrechens“ seien. Und das dieses Thema nicht etwa nur um 17hundert schießmichtod aktuell war zeigt ein Artikel in der Zeitschrift „Quick“ aus dem Sommer 1969: Dort zeigte man unter der Überschrift „Berühmte uneheliche , die sich trotz ihres Makels durchsetzten“ Fotos von Fidel Castro, Marilyn Monroe, Sophia Loren und Leonardo da Vinci.

PS: Seit dem 1. Juli 1998 wird in der deutschen Rechtslage kein Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern gemacht.

PPS: Falls Sie in den Kirchenbüchern über weitere lateinische Ausdrücke stolpern, kann ich Ihnen die bereits versprochenen folgenden Links zum Kirchenbuch empfehlen (selbstverständlich nur eine kleine Auswahl):

http://www.krumhermersdorf.de/literatur/latein.htm

http://www.ghgrb.ch/genealogicalIntroduction/latein.html

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