Dear Mrs. Bentschneider…

… fing eine E-Mail aus dem Land der Koalas und Kängurus an, welche ich letzte Woche erhielt. Ich werde nun aber nicht die kompletten drei Seiten lange Mail abtippen oder kopieren, ich fasse den Inhalt mal auf Deutsch zusammen:

Die Verfasserin der Mail (sie wohnt also in Australien) sucht Informationen über Ihren Ur-, der wegen des Krieges aus Deutschland floh. Es geht aber nicht nur um Militärunterlagen, sondern…


die Dame wollte wissen, in welchem Regiment er gedient hat und ob es Unterlagen oder Einträge in seiner Militärakte über seine Fahnenflucht gäbe.

So weit so gut, aber wie sage ich immer: „Je mehr Informationen geliefert werden, desto einfacher ist die Suche“. Also habe ich erst einmal nach dem Namen der Person gefragt, wann und wo geboren und in welchem der Ur-Großvater denn gekämpft haben soll?

Nach zwei weiteren E-Mails hatte ich dann die erforderlichen Informationen und musste doch ein wenig schmunzeln. Den Namen lasse ich mal weg, der spielt keine Rolle. Der Ur-Großvater sei 1827 in zur Welt gekommen und hätte später dort wohl im „katofe-war“ gekämpft.

Wie oft beruhen die vorhandenen Informationen auf Hörensagen und Familiengeschichten. Siehe hierzu auch diesen Beitrag.

OK, die Dame oder deren Familiengeschichten meinten wahrscheinlich den Kartoffelkrieg mit „katofe-war“, aber der war ja bekanntlich der Bayerische Erbfolgekrieg um das Jahr 1778/1779, kann also wohl nicht der Krieg sein, in dem Ihr Vorfahr gekämpft haben soll.

Nach einer weiteren E-Mail und der Informationen, dass der Ur-Großvater 1848 direkt von Berlin nach Australien kam, fing also die erneute Suche an.

Ich kürze das Ganze nun mal ab. Der Ur-Großvater hat tatsächlich bis zur in Berlin gelebt, wir konnten das anhand der alten Berliner Adressbücher nachweisen. Also der Tipp am Rande: Alte Adressbücher durchforsten.

Aber der erwähnte Krieg war die so genannte -Revolution die im April 1847 in Berlin ausbrach. Hierbei handelte es sich aber um keinen Krieg, sondern eher um Bürgerproteste. Im Sommer 1846 wurde in Mitteleuropa eine schlechte Getreideernte erzielt und schlechtes Wetter führte neben der Phytophthora infestans (Kraut- und Knollenfäule oder auch Kartoffelpest genannt) dazu, dass die Kartoffelernte fast um 50% geringer ausfiel. In Irland führte dies zur größten Auswanderungswelle in die USA.

1846 lag der Preis für etwa 2,5  Kilo Kartoffel in Berlin bei 1 Silbergroschen, Anfang 1847 verdreifachte er sich und im April 1847 betrug er bereits 5 Silbergroschen. Das entsprach etwa dem halben Tagesverdienst eines durchschnittlichen Arbeiters. Da Kartoffeln damals Hauptnahrungsmittel waren und somit der Großteil der Bevölkerung sich kein Essen mehr leisten konnte und Gerüchte die Runde machten, dass es jedoch eigentlich eine festgelegte Preisobergrenze von 2 Silbergroschen gab, ging das erste Gemurre los.

Als die Bauern dann am 21. April 1847 die Preise nochmals erhöhten kam es zu ersten Handgreiflichkeiten. Die auf jedem Markt vorhandenen zwei Marktpolizisten konnten die Diebstähle nicht mehr verhindern und man bediente sich einfach so, um die Familie zu ernähren. Vereinzelt kam es zu Verhaftungen, aber man wurde nicht mehr Herr der Lage. Die Stadt Berlin ließ daraufhin das Militär ausrücken und ab dem 23. April wurde das ganze Stadtgebiet dann systematisch vom Militär kontrolliert. Dies und die Tatsache, dass die Berliner Stadtverwaltung überraschend eine größere Menge Kartoffeln zum Preis von 2,5 Silbergroschen je 2,5 Kilo anbieten konnte, beruhigte die Lage dann wieder.

Tja, der Ur-Großvater hat dann wohl eher an den Tumulten teilgenommen und nicht im Krieg. Aber diese schlechte Wetterperiode und die damit vorhandene schlechte Ernte führten auch in Deutschland zur ersten größeren Auswanderungswelle.

Apropos Auswanderung: Anfänglich dachte man, dass die Kartoffelpest ihren Ursprung im vielen Regen habe, sie sich also mit Wasser voll gesogen habe. Aber sie wurde von Überseeschiffen mit eingeschleppt, denn es ist eine kleine, auf Feuchtigkeit angewiesene Spore.

1 Kommentar zu “Dear Mrs. Bentschneider…”

  1. marianne mageau sagt:

    Ich kann’s mir nicht verkneifen doch mal zu schreiben. Wenn ich also von dem Alsterrundspaziergang las gibt es doch Heimweh nach der Kindheit die ich am Roedingsmarkt 23 erlebt habe. Vom Bett aus konnte ich sehen wenn der Turmtueter vom Michel das Fenster aufmachte und mir dann jeden Abend ein Schlummerlied blas. Ich bin also eine echte Hamburger Deern, bin aber seit 1960 in Toronto,Kanada wohnhaft. Leider hab ich keine Geschwister und keinen Kontakt mit anderen Verwandten in Hamburg. Ich bin aber daran interessiert mal die Ahnen von Mutter und Vater aufzustoebern. Kann mir da jemand helfen?

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